Noah Boucards künstlerische Praxis bedient sich einer Vielzahl von Medien, darunter Sprache, Textpublikationen, Klang- und Videoarbeiten, Malerei und Metallobjekte. Sein Fokus liegt stets darauf, Räume zu öffnen und sich der darin befindlichen Objekte bewusst zu werden. Besonders auffällig ist seine Herangehensweise an persönliche Erfahrungen, die er unerbittlich und ehrlich in den Ausstellungskontext einbringt. Dies zeigt sich deutlich in der Videoarbeit Drugs: hier wird ein tiefer persönlicher Einblick in das gewährt, was geschieht, wenn sich unter dem Einfluss von Drogen alle Grenzen und gesellschaftlich konventionellen Rahmenbedingungen auflösen. Das Werk Valium behandelt eine ähnliche Referenz zu diesem Thema in einem anderen Medium: eine autobiografisch-fiktionale Publikation des Künstlers, die einerseits mit dem Medium Buch arbeitet, andererseits im Ausstellungskontext als Installation präsentiert wurde. Faszinierend ist hier Boucards Sprachgebrauch: Die Texteinträge in der Publikation Valium lesen sich wie einzelne Bewusstseinsströme, die ständig von neuen Gedanken und neuen Erfahrungen unterbrochen werden. Der Fokus liegt auf dem geschriebenen Wort, aber in der Rauminstallation verändert sich dies, weil jemand anderes die Erfahrungen des Künstlers erzählt und nicht der Künstler selbst – der Akt des Sprechens wird somit hinterfragt. Was passiert mit persönlichen Erfahrungen, die plötzlich nicht mehr von der Quelle selbst erzählt werden? Genau das ist Boucards feine Linie: Er hinterfragt, wo die Grenze zwischen dem Selbst – als etwas Persönlichem, Intimem und Autobiografischem – und dem ES – als eigenständiger Einheit eines Kunstwerks – liegt. Der Künstler teilt persönliche Details, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen, betont aber gleichzeitig, dass er einen Teil von sich selbst ehrlich und direkt mit dem Betrachter teilt. So werden Lautsprecher nicht zu Ready-mades, sondern zu Stimmen, mit denen Boucard seine künstlerischen Konzepte veranschaulicht. Bezugnehmend auf die anfängliche Beschreibung seiner künstlerischen Praxis wird hier Boucards konzeptueller Hintergrund deutlich, der zeigt, wie Bezeichnungen im Raum stattfinden und wo sich die materiellen Grenzen von Kunstobjekten öffnen. Seine Serie Boys, bestehend aus Siebdruck, Sprühfarbe und malerischen Elementen, veranschaulicht ebenfalls sein Verständnis von Raum, Repräsentation und seinen eigenen Identitätskonstruktionen. Auf einer fast weißen Leinwand steht oben in großen roten Buchstaben das Wort „Boys“ – eine Frage, eine Aussage oder wie ist der Titel zu verstehen? Handelt es sich eher um ein Konzept der Geschlechterrolle, das sich hier als vermeintlich leere Seite präsentiert, bei genauerer Betrachtung jedoch keine ist? Diese vielfältigen Ebenen und Schichten von Erzählungen ziehen sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Ein Lautsprecher mag zwar allein im Raum stehen, doch der Inhalt ist immer intim, ehrlich und direkt.
Autorin: Ioanna Valavanis
Lektorat: Martin Schick
CV
lebt und arbeitet in Stuttgart
1999
geboren in Frankfurt am Main
2020
Studium der Bildenden Kunst an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste
Stuttgart, Grundklasse, Prof. Volker Lehnert
2021 - heute
Studium in der Klasse für Malerei, Prof. Reto Boller
Ausstellungen
2025, “Valium”, Städtische Galerie am Laien, Ditzingen
2025, „Lithium“, Nestel, Stuttgart
2025, “Herbstsalon”, ABK Stuttgart
2025, „Soliparty für den Flüchtlingsrat Baden-Württemberg“, Kulturbunker, Stuttgart
2025, Rundgang, ABK Stuttgart
2024, „CODA“, AKKU Projektraum des Künstlerbundes Baden-Württemberg, Stuttgart
2024, „743 Hz“, Viktoria 8, Karlsruhe
2024, Rundgang, ABK Stuttgart
2023, Rundgang, ABK Stuttgart
2022, „Kokon“, ZQM-S, ABK Stuttgart
2022, Rundgang, ABK Stuttgart
2021, Rundgang, ABK Stuttgart
Kontakt
noahbouc@gmail.com
Instagram: noah.boucard
FOTOGRAFIEN
David Spaeth
Eunjeong Kim
Nadine Bracht
Robert Heinz