Lisa Mühleisen
Laudatio “Side Effects & Cereals”, Oberwelt e.V., 2026




1. Verpackung

Beginnen möchte ich mit der ersten Etappe: Verpackung. Dafür würde ich gerne den Ausstellungstitel Side Effects & Cereals heranziehen. Side Effects, also Nebenwirkungen, finden wir normalerweise auf Beipackzetteln in Medikamentenpackungen. Sie informieren über unerwünschte Begleiterscheinungen, die im Zusammenhang mit einer Medikamenteneinnahme auftreten können. Cereals, also Frühstückscerealien, bezeichnet Getreideprodukte, die insbesondere als Frühstück für Kinder vermarktet werden. Die Werbung dafür hat über Jahrzehnte eine eigene Bildsprache entwickelt: bunte, auffällige und fröhliche Verpackungen, die einen gesunden, unbeschwerten und energievollen Start in den Tag versprechen. Nicht selten steht diese Inszenierung in einem gewissen Widerspruch zum tatsächlichen Zuckergehalt der Produkte.

Bereits im Ausstellungstitel treffen also zwei unterschiedliche Formen der Verpackung und Information aufeinander: die kommerzielle Verheißung auf der einen und die medizinische Warnung vor möglichen Nebenwirkungen auf der anderen Seite. Die Verpackung beziehungsweise die Materialität in Noah Boucards Arbeiten ist vielfältig. Er arbeitet sowohl auf klassischem Leinwandstoff als auch auf gewebtem Dekostoff, der an Weihnachts- oder Schottenkaro erinnert. Hinzu kommen Arbeiten auf transparenter Folie und auf blanken MDF-Platten.

Die Farbe wird mit dem Pinsel, mit Farbwalzen, aus der Spraydose oder im Siebdruckverfahren aufgetragen. Auch Klebefolie kommt zum Einsatz. Die Farbpalette bewegt sich zwischen Schwarz und Weiß, ergänzt durch unterschiedliche Buntabmischungen. In diesen unterschiedlichen Materialien und Verfahren begegnen uns Ästhetiken autobiografischer Beobachtungen, medizinischer Behandlungsperspektiven, psychischer Zustände und Rauscherfahrungen. Es geht um das Hinzufügen und Wegnehmen, um das Absetzen, Überlagern und Zurücktreten von Bildelementen.

Ein weiteres Material ist die Sprache. Noah Boucard verwendet vorgefundene Sprachfragmente, Begriffe und Formulierungen, die sein Interesse wecken und Assoziationsräume eröffnen. Diese Sprachfragmente fungieren wie Schwellen innerhalb der Arbeiten. Sie markieren und strukturieren die malerischen Räume, ohne deren Bedeutung vollständig festzulegen. Teilweise erinnern sie aufgrund ihrer medizinischen Herkunft an innenliegende Beipackzettel, an anderer Stelle wiederum an farblich entsättigte Cornflakes-Verpackungen.



2. Verheißung

Kommen wir zur zweiten Etappe: der Verheißung. Zwei Titel der Ausstellung sind Musiktiteln aus den 1990er-Jahren entlehnt. Coco Jamboo ist ein 1996 veröffentlichter Song der deutschen Eurodance-Gruppe Mr. President. Musikalisch verbindet er Eurodance mit Reggae-Anklängen. Inhaltlich geht es um sommerliche Lebensfreude, Tanzen und eine spielerische Flirtsituation. Schon der Titel selbst ist eine lautmalerische Wortschöpfung ohne festgelegte Bedeutung. Er erzeugt vor allem eine Assoziation von Sonne, Strand und tropischer Unbeschwertheit. Der Song entwirft damit eine geschönte Oberfläche des Glücks: eine Welt des Vergnügens und der Sorglosigkeit, in der mögliche Abgründe und Nebenwirkungen keinen Platz haben.

Eine andere Form der Verheißung begegnet uns in Thomas P. Heckmanns Track Amphetamine, der unter dem Künstlernamen Drax veröffentlicht wurde. Der Acid-Techno-Track aus den 1990er-Jahren verweist auf Rausch, Intensität und Entgrenzung. Auch hier wird ein Zustand der Steigerung aufgerufen, allerdings nicht über die sommerliche Leichtigkeit des Pop, sondern über die Dynamik elektronischer Tanzmusik.

Beide Musiktitel verweisen auf unterschiedliche Versprechen: auf Unbeschwertheit einerseits und auf Rausch andererseits.

Wie verhalten sich solche Verheißungen zur Realität des Alltags? Noah Boucards Gemälde arbeiten häufig mit harten Kontrasten. So verheißt beispielsweise ein rot gemusterter Dekostoff Gemütlichkeit, Heimeligkeit und vielleicht auch einen gedeckten Tisch an Weihnachten. Dieser Eindruck trifft auf eine kryptische Medikamentendosierung von 500 mg. Die Materialität und das Setting treffen auf eine Information, die ihre eigene Umgebung infrage stellt. Die vertraute Oberfläche wird durch den sprachlichen Eingriff irritiert.

Ähnlich verhält es sich mit dem Schriftzug Pharmacie, dem französischen Ausdruck für Apotheke. Eine Apotheke ist ein Ort, an dem heilende und lebensrettende Medikamente erhältlich sind. In Frankreich sind Apotheken häufig durch ein grünes Kreuz gekennzeichnet. Bei Noah Boucard begegnen uns hingegen schwarze, eher nachlässig gesprühte Kreuzsetzungen. Auch hier wird die positive Konnotation eines Ortes der Heilung durch die malerische Setzung verschoben. Verheißung und tatsächlicher Inhalt fallen nicht selbstverständlich zusammen.



3. (Ent-)täuschung

Die dritte Etappe möchte ich mit dem Begriff der Enttäuschung überschreiben. Bei Noah Boucard lässt sich Enttäuschung und Erkenntnis auch als Verschiebung, als Shift, verstehen. Was ist Alltag, was ist Realität und was ist Verheißung? Was ist Verpackung und was verbirgt sich dahinter? Shift 1 und Shift 2 sind zwei großformatige Gemälde, die sich auf den ersten Blick nur minimal unterscheiden. Der Siebdruckschriftzug liegt jeweils über einer weiß getünchten, malerischen Oberfläche. Seine Position ist jedoch um etwa zehn Zentimeter verschoben.

In dieser Verschiebung steckt eine Möglichkeit zur Veränderung. Trotz der expressiven und anschließend wieder weiß übermalten Oberfläche tritt die präzise Verschiebung des Schriftzugs deutlich hervor. Dass der Schriftzug über der Malerei liegt und seine Position so genau verändert wurde, lenkt die Aufmerksamkeit auf eine formale Frage: auf die Bedeutung des Settings, der Komposition und der räumlichen Anordnung. Die minimale Veränderung wird zum eigentlichen Ereignis. Sie macht sichtbar, wie stark sich die Wahrnehmung einer Arbeit durch eine scheinbar geringfügige Verschiebung verändern kann. Dabei setzt Noah Boucard, aus einem Repertoire sprachlicher Versatzstücke und rauschhafter Gefühlszustände unterschiedliche Eindrücke miteinander in Beziehung zu setzen. Die Enttäuschung liegt möglicherweise gerade darin, dass diese Zustände nicht eindeutig aufzulösen sind und sich nicht ohne Weiteres in Einklang bringen lassen.



4. Realität / Alltag

Damit komme ich zur vierten und letzten Etappe: Realität beziehungsweise dem Alltag. Alltag, das sind die Cereals: das Frühstück, die Konsumwelt, die routinierte Wiederholung eines scheinbar selbstverständlichen Ablaufs. Alltag kann gleichzeitig aber auch eine Medikation bedeuten, die jeden Tag zu festgelegten Zeiten eingenommen werden muss. In der Realität trifft beides aufeinander. Die bunte Konsumwelt, der Wunsch nach Leichtigkeit und Normalität stehen neben den Nebenwirkungen, die damit einhergehen können. Die unterschiedlichen Wirklichkeiten überlagern sich und hinterlassen Doppelbilder. Dieser Dualität begegnet Noah Boucard mit präzisen malerischen und räumlichen Arrangements. Er überführt diesen Zwiespalt in eine neue Lesbarkeit. Die vagen Zustände, das Schleierhafte und Rauschhafte erhalten dadurch konkrete Formen.

Es geht dabei nicht um eine eindeutige Auflösung der Gegensätze, sondern vielmehr darum, wie sich unterschiedliche Wahrnehmungsebenen innerhalb eines Bildes, durch Sprache und Material, gleichzeitig behaupten können.


Noah Boucard ©